Ihre Tochter ist in der Schule unauffällig, hat Freundinnen und gute Noten. Und trotzdem kommt sie nachmittags erschöpft nach Hause, braucht lange Ruhe oder reagiert beim kleinsten Anlass mit Tränen. Sie sagen sich, dass das wohl die Pubertät ist. Manchmal steckt etwas anderes dahinter, das Fachleute bei Mädchen lange übersehen haben.

Was Studien zur späten Diagnose zeigen

Eine große schwedische Studie im British Medical Journal wertete Registerdaten von 2,7 Millionen Menschen bis zum Alter von 37 Jahren aus. Bei 78.522 von ihnen, also 2,8 Prozent, wurde Autismus diagnostiziert, im Durchschnitt mit 14,3 Jahren. Die meisten Jungen erhielten die Diagnose zwischen 10 und 14 Jahren, die meisten Mädchen erst zwischen 15 und 19. Mit etwa 20 Jahren war das Verhältnis zwischen Männern und Frauen annähernd ausgeglichen. Mädchen bekommen die Diagnose also im Schnitt etwa fünf Jahre später.

Die Forschenden vermuten, dass die oft besser ausgeprägten sozialen und kommunikativen Fähigkeiten von Mädchen den Autismus schwerer erkennbar machen.

Eine Auswertung der Saint Louis University mit Daten von 171.134 Patientinnen und Patienten zwischen 2016 und 2024, erschienen in JAMA Network Open, geht in dieselbe Richtung. Während die Neudiagnosen bei Jungen und Männern stabil blieben oder zurückgingen, stiegen sie bei Mädchen und Frauen nach 2020 deutlich, und zwar in allen Altersgruppen. Die Autoren sehen darin eher eine verbesserte Erkennung als einen Anstieg echter Fälle.

Warum Mädchen übersehen werden

Ein wichtiger Grund heißt Masking, auch Camouflaging genannt. Gemeint sind Strategien, mit denen autistische Menschen ihre Besonderheiten verbergen, bewusst oder unbewusst. Die Erziehungswissenschaftlerin Bettina Lindmeier beschreibt Masking in einer Arbeit von 2025 als zentrale Strategie autistischer Mädchen. Die Mädchen beobachten, wie andere sich verhalten, und ahmen es nach. Dadurch wird Autismus zu einer unsichtbaren Beeinträchtigung, und die Diagnose kommt oft spät oder erst nach anderen Diagnosen.

Eine Studie der University of North Carolina, veröffentlicht im Journal of Autism and Developmental Disorders, kam zu dem Ergebnis, dass Lehrkräfte bei Mädchen weniger autistische Merkmale wahrnahmen als die Eltern. Das könnte darauf hindeuten, dass Mädchen sich im Schulalltag stärker anpassen als zu Hause. Standard-Diagnoseinstrumente wurden außerdem überwiegend an Jungen entwickelt.

Maskieren kostet Kraft. Wer den ganzen Schultag eine Rolle spielt, braucht danach Erholung. Das kann erklären, warum manche Mädchen nachmittags zusammenbrechen, obwohl sie in der Schule unauffällig wirken.

Woran Eltern denken können

Die folgenden Punkte sind keine Checkliste und kein Beweis. Sie können ein Anlass sein, genauer hinzuschauen:

  • Ihr Kind wirkt in der Schule angepasst, ist zu Hause aber erschöpft, gereizt oder weint häufig.
  • Es ahmt andere Kinder nach und wirkt dabei, als würde es eine Rolle spielen.
  • Soziale Situationen, Lärm oder Planänderungen kosten es auffällig viel Kraft.
  • Es hat intensive Interessen, über die es lange sprechen kann, und zieht sich nach Treffen zurück.

Wenn Sie mehrere dieser Beobachtungen über längere Zeit machen, sprechen Sie mit der Kinderarztpraxis. Zuständig für eine Abklärung sind Kinder- und Jugendpsychiatrien, sozialpädiatrische Zentren oder spezialisierte Ambulanzen. Sammeln Sie vorab, was Sie zu Hause und was Lehrkräfte in der Schule beobachten, denn beide Sichtweisen helfen bei der Einschätzung.

Was ein früher Blick bringt

Fachleute halten eine frühe Diagnose für hilfreich, um Belastungen besser zu bewältigen. Sie kann den Zugang zu Unterstützung erleichtern und Mädchen entlasten, die jahrelang das Gefühl hatten, anders zu sein, ohne zu wissen, warum.

Lernen im eigenen Tempo

Wenn der Schultag viel Kraft kostet, kann es helfen, den Lernstoff am Nachmittag in Ruhe und im eigenen Tempo zu wiederholen. Bei sofatutor lassen sich Lernvideos beliebig oft ansehen und Übungen ohne Zeitdruck bearbeiten. Das ist eine praktische Möglichkeit für den Schulalltag und kein Ersatz für eine fachliche Abklärung oder Begleitung.

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Fazit

Autismus zeigt sich bei Mädchen oft leiser, und genau deshalb wird er lange übersehen. Wer als Elternteil genau hinsieht und Beobachtungen ernst nimmt, kann viel dazu beitragen, dass die Diagnose nicht erst mit 18 kommt.

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Quellen: BMJ 2025, DOI 10.1136/bmj-2025-084164, berichtet von aponet.de; JAMA Network Open, Saint Louis University, 2016 bis 2024; Lindmeier, Masking bzw. Camouflaging als zentrale Strategie autistischer Mädchen, Klinkhardt 2025; Putnam et al., Journal of Autism and Developmental Disorders, University of North Carolina, 2026.